Potentialausgleich im Haus: was er macht, wo er Pflicht ist und was in Altbauten oft fehlt
Der Potentialausgleich ist das unauffälligste Bauteil einer Elektroinstallation und zugleich das, auf dem alles andere aufsetzt. Fehlerschutz, Blitzschutz, Überspannungsschutz: Keines davon funktioniert zuverlässig, wenn der Potentialausgleich nicht stimmt. Man sieht ihn nur selten, meist ist es eine Schiene an der Kellerwand mit ein paar Klemmen daran.
Was er tut, warum er in Bestandsgebäuden regelmäßig unvollständig ist und woran du das erkennst.
Die Aufgabe in einem Satz
Der Potentialausgleich sorgt dafür, dass alle leitfähigen Teile im Gebäude auf demselben elektrischen Potential liegen. Wo kein Unterschied besteht, kann auch kein Strom fließen, und genau darum geht es.
Ein Beispiel macht das greifbar. Du stehst barfuß in der Dusche und fasst gleichzeitig an einen metallenen Handtuchhalter, der über die Wand mit einer Wasserleitung verbunden ist. Liegt an dieser Leitung durch einen Fehler irgendwo im Haus eine Spannung an und dein Körper hat gleichzeitig über den nassen Boden Verbindung zur Erde, fließt der Strom durch dich. Sind alle metallenen Teile miteinander und mit der Erde verbunden, entsteht dieser Unterschied gar nicht erst.
Der zweite Zweck ist genauso wichtig: Der Potentialausgleich stellt sicher, dass ein Fehlerstrom groß genug wird, damit die Sicherung oder der FI-Schalter überhaupt auslöst. Ohne diesen Weg kann eine Spannung an einem Gehäuse dauerhaft anstehen, ohne dass die Schutzeinrichtung etwas merkt.
Die Haupterdungsschiene und was daran gehört
Zentraler Punkt ist die Haupterdungsschiene, meist im Hausanschlussraum. Früher hieß sie Potentialausgleichsschiene, die Aufgabe ist dieselbe geblieben. An ihr laufen alle Verbindungen zusammen.
Angeschlossen gehören:
- der Erder des Gebäudes, also Fundamenterder, Ringerder oder Tiefenerder
- der Hauptschutzleiter aus dem Zählerschrank
- metallene Wasserleitungen, und zwar auf der Hauseintrittsseite
- Gasleitungen, sofern aus Metall
- Heizungsrohre und der Heizkessel
- metallene Teile der Gebäudekonstruktion, etwa Stahlträger
- Abwasserleitungen aus Metall
- die Antennenanlage und die Erdung des Kabelanschlusses
- die Blitzschutzanlage, falls vorhanden
- bei größeren Gebäuden Aufzugsschienen und Klimatechnik
Zu den Querschnitten: Der Hauptschutzleiter zur Schiene beträgt mindestens 6 Quadratmillimeter Kupfer. Für den zusätzlichen Schutzpotentialausgleich in Räumen genügen 2,5 Quadratmillimeter, wenn die Leitung geschützt verlegt ist, sonst 4. Bei Anschluss an eine Blitzschutzanlage gelten größere Werte, dort geht es um Blitzteilströme und nicht um Fehlerströme.
Der häufigste Befund im Bestand
In fast jedem Haus, das älter als dreißig Jahre ist, ist der Potentialausgleich unvollständig. Nicht weil damals geschlampt wurde, sondern weil sich das Gebäude seitdem verändert hat.
Die Wasserleitung ist aus Kunststoff. Früher war die metallene Wasserleitung Teil des Erdungssystems, oft sogar der einzige Erder. Wurde sie im Zuge einer Sanierung gegen Kunststoff getauscht, ist diese Verbindung weg. Manchmal hängt die Klemme noch am Rohrstück vor dem Zähler und geht ins Leere.
Die Gasleitung ist stillgelegt. Nach einer Umstellung auf Wärmepumpe oder Fernwärme bleibt die alte Klemme oft an einem Rohr, das nirgends mehr hinführt.
Neues ist dazugekommen und nicht angebunden. Photovoltaik auf dem Dach, eine Wallbox in der Garage, ein Netzwerkschrank im Keller, eine Satellitenschüssel. Jedes dieser Teile bringt Metall und Elektronik ins Haus, und keines davon findet den Weg zur Haupterdungsschiene von selbst.
Es gibt gar keinen Erder. Der Klassiker in Häusern aus der Zeit vor 1970: Der einzige Erdungspunkt war die metallene Wasserleitung. Ein Fundamenterder existiert nicht, weil er damals nicht vorgeschrieben war.
Das Missverständnis mit dem Bad
Viele kennen den zusätzlichen Potentialausgleich im Badezimmer, also die grüngelben Leitungen an Wanne, Duschtasse und Heizkörper. Über den gibt es hartnäckige Halbwahrheiten.
Die Regel heute: Ein zusätzlicher Schutzpotentialausgleich im Bad ist nicht mehr zwingend erforderlich, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens sind alle Stromkreise des Raums über einen Fehlerstromschutzschalter mit 30 Milliampere geschützt. Zweitens ist der Schutzpotentialausgleich des Gebäudes vorhanden und in Ordnung.
Das heißt aber nicht, dass er schaden würde. In der Praxis wird er bei Sanierungen meist trotzdem mitgemacht, weil der Aufwand gering ist, solange die Wand ohnehin offen ist. Und es heißt vor allem nicht, dass man ihn in einem Altbau entfernen darf, in dem es keinen durchgängigen FI-Schutz gibt.
Potentialausgleich und Blitzschutz
Sobald ein Gebäude eine Blitzschutzanlage hat, kommt eine zweite Aufgabe dazu, und die hat eine ganz andere Größenordnung.
Beim Blitzschutzpotentialausgleich geht es nicht um Fehlerströme von wenigen Ampere, sondern um Blitzteilströme, die in die Zehntausende gehen. Deshalb werden hier größere Querschnitte verwendet, und deshalb sitzen an der Schnittstelle Blitzstromableiter vom Typ 1. Ein normaler Überspannungsableiter Typ 2 an dieser Stelle wird beim ersten ernsten Ereignis selbst zerstört.
Der Zusammenhang ist umgekehrt genauso wichtig: Ein Blitzschutz auf dem Dach nützt wenig, wenn im Keller der Potentialausgleich fehlt. Der Strom sucht sich dann seinen Weg durch die Installation statt durch die Erdungsanlage. Mehr dazu im Artikel zum Unterschied zwischen äußerem und innerem Blitzschutz.
Woran du erkennst, dass etwas fehlt
Ein paar Dinge kannst du selbst ansehen, ohne etwas zu öffnen:
- Gibt es im Hausanschlussraum überhaupt eine Schiene mit mehreren grüngelben Leitungen daran?
- Hängen dort Klemmen an Rohren, die inzwischen aus Kunststoff sind oder stillgelegt wurden?
- Führt eine Leitung von der Schiene zur Antennenanlage und zum Netzwerkschrank?
- Wenn eine PV-Anlage oder Wallbox nachgerüstet wurde: Kam damals jemand an die Schiene im Keller?
- Gibt es eine Dokumentation, in der Erdungswiderstand und Anschlüsse festgehalten sind?
Was du nicht selbst beurteilen kannst, ist die Wirksamkeit. Ob die Erdung funktioniert, zeigt erst eine Messung des Erdungswiderstands, und die gehört in Fachhände.
Kurz zusammengefasst
Der Potentialausgleich verbindet alles Leitfähige im Haus zu einem gemeinsamen Bezugspunkt. Er ist die Grundlage für den Fehlerschutz, für den Überspannungsschutz und für den Blitzschutz. In Bestandsgebäuden ist er selten vollständig, meist weil sich seit dem Bau etwas geändert hat: Kunststoffrohre, stillgelegtes Gas, nachgerüstete Technik.
Wenn ohnehin am Zählerschrank gearbeitet wird oder eine PV-Anlage dazukommt, ist der richtige Moment, das mit prüfen zu lassen. Wir machen das im Raum Nürnberg im Rahmen der Prüfungen und Messungen, telefonisch erreichbar unter 0911 / 931 696 49.
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